+49 4321 301074 jcremasco@cremasco.de

Egal in welchem Kontext ich das Thema „Stress“ aufgreife, ich erlebe immer wieder ähnliche Aussagen:

  • „Wir machen einmal im Jahr einen Gesundheitstag. Da machen wir schon viel, viel mehr als unsere Nachbarn hier im Gewerbegebiet.“
  • „Ich gehe einmal in der Woche zu meinem PMR-Kurs, da mache ich doch wirklich schon genug für meine Stressbewältigung.“
  • „Ich habe bereits 15 Ratgeber-Bücher zum Thema durchgelesen.“

Fein. Diese Menschen haben etwas getan, um mit dem vielleicht spürbar vorhandenen Stress in ihrem Leben besser zurecht zu kommen. Dasselbe gilt für Unternehmen, die den klassischen Gesundheitstag durchführen. Aber recht das aus?

Wenn wir Stress erleben, dann geht es immer um bestimmte Situationen, um Anspannung in den Situationen, um eingefahrene Verhaltensweisen und Handlungsautomatismen und möglicherweise um Beziehungen. Es kann richtig toll sein, während eines Gesundheitstages verschiedene Wege in Sachen Stressbewältigung kennen zu lernen. Aber ändert sich damit die Situation am Arbeitsplatz? Und es kann toll sein, an einem Entspannungskurs teilzunehmen. Aber kommt es dadurch zur Veränderung meiner Verhaltensweisen in bestimmten Situationen? Und es kann sinnvoll sein, mittels Bücher sich Fachwissen anzueignen. Aber reicht es aus, wenn ich meinen Verstand mit noch mehr Wissen füttere, um dem Stress nachhaltig ein Schnippchen zu schlagen?

Meine langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiet mit vielen, vielen Menschen haben mir gezeigt: Nein, nur eine einzelne Maßnahme reicht nicht. Es gilt vielmehr, eine ganzheitliche Herangehensweise zu nutzen und die folgenden drei Säulen gleichberechtigt nebeneinander zu betrachten:

 

 

Stressbewältigung ganzheitlich

Schauen wir uns die Säulen der Stressbewältigung im Einzelnen an:

  1. Ganz links befindet sich die instrumentelle Säule, die sich mit den Gegebenheiten im Außen befasst. Hier ist es irrelevant, ob die Arbeit oder ein privater Bereich den Betroffenen stresst. Es gilt, genau hinzuschauen, um die auslösenden Faktoren zu identifizieren. Denn zuweilen sind die Stress erzeugenden Aspekte nicht sofort offensichtlich und sehr oft spielt das so gar nicht greifbare Miteinander, die Art der Kommunikation, eine wichtige Rolle.
  2. Mittig finden wir die kognitive Säule, welche auf die inneren Prozesse schaut. Hier dreht sich alles um innere Kritiker, Überzeugungen, Motive, Einstellungen – die teilweise schon in frühester Kindheit im Elternhaus geprägt wurden und somit wunderbar Jahre und Jahrzehnte Zeit hatten, sich zu verfestigen.
  3. Rechts befindet sich die palliativ-regenerative Säule, die die Themen Sport und Entspannung aufgreift. In Bewegung kommen (moderat!) und zugleich aktive Entspannung zu erlernen (und regelmäßig zu üben!) sind essentiell notwendig bei der Bewältigung von Stress.

Darüber hinaus ergänze ich diese an sich sehr gute Übersicht, die Professor Dr. Gert Kaluza entwickelt hat, um eine weitere Komponente, die in der 3-Säulen-Schematik nach meinem Empfinden zu kurz kommt:

Die Übergänge zwischen den Bereichen erweisen sich als fließend, die Inhalte der genannten drei Säulen bedingen sich gegenseitig. Und jede der Säulen setze ich in meiner Arbeit mit der Emotions- bzw. Bedürfnisebene in Relation, sodass man als Stressgeplagte(r) immer mehr bei sich und seiner Persönlichkeit ankommen kann und die innere, wohlmöglich nur wenig gelebte Bedürftigkeit mit den äußeren Umständen durch sehr achtsames Wahrnehmen abgleichen kann. Denn ich stelle immer wieder fest, dass Stress oft in Verbindung steht mit dem Nicht-Aussprechen von Erwartungen bzw. dem Nicht-Ausleben von Wünschen:

Da wird eine Ausbildung absolviert, weil die Eltern sagten „Mach was Sicheres!“. Da wird ein Beruf ausgeübt, der nicht zur ureigenen Persönlichkeit passt. Da wird ein persönlicher Lebensweg eingeschlagen, weil „man das halt genau so macht in meinen Kreisen“. Dies zu erkennen, ist ein wichtiger Schritt in Richtung der grundsätzlichen Stressbewältigung.